Rückblick: Leipziger Fassadentag 2017

Im Spannungsfeld von Form und Funktion

Rückblick: Leipziger Fassadentag 2017

Im Spannungsfeld von Form und Funktion

Am 19. September trafen sich über 200 Experten aus der Fassadenbranche zum 2. Leipziger Fassadentag an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur.

 

„Alles nur Fassade?“ Unter diesem Motto luden die Veranstalter DIBt, MFPA Leipzig GmbH, Sahlmann & Partner GbR, IFBT GmbH und HTWK Leipzig zu der gemeinsam organisierten Veranstaltung ein. Renommierte Wissenschaftler sowie Experten der Bauaufsicht und aus der Praxis referierten im Spannungsfeld zwischen architektonischem Anspruch und baukonstruktiven sowie baurechtlichen Anforderungen an Fassaden.

 

Die Änderungen im deutschen Bauordnungsrecht beschäftigen die Akteure der Baubranche weiterhin intensiv. Zum Start referierte deshalb Dr.-Ing. Karsten Kathage (DIBt) – vor dem Hintergrund des EuGH-Urteils C-100/13 zum Bauproduktenrecht – über die novellierte Musterbauordnung und ihre technische Konkretisierung. In dem Vortrag wurden die wesentlichen Änderungen in der Musterbauordnung und ihre technische Konkretisierung in der Musterverwaltungsvorschrift Technische Baubestimmungen erläutert. Darüber hinaus wurden die gesetzlichen Anforderungen an den Fassadenbau näher betrachtet und Möglichkeiten der technischen Nachweisführung vorgestellt.

 

Im Anschluss ging es im Vortrag von Architekt Prof. Andreas Fuchs (FAT LAB Stuttgart) um neue Materialien und neue Strategien. FAT LAB ist eine freie Forschungsplattform im Bereich von Architektur, Produkt- und Konzeptentwicklung mit dem Ziel Innovationen im Rahmen von Forschungsprojekten zu entwickeln, sie prototypisch umzusetzen und damit neuartige Lösungsansätze für die Architektur zu bieten. Prof. Fuchs reflektierte die Forschungsprojekte der letzten Jahre und bot dem Publikum einen Ausblick auf die Fragestellungen der nächsten Jahre. 

 

Danach sprach Prof. Dr.-Ing. Frank U. Vogdt (TU Berlin) über sein aktuelles Forschungsvorhaben zur Erstellung eines Bemessungskonzepts für verklebte WDV-Systeme. Die Hauptthemen waren die Beanspruchungen und die verschiedenen Lastfälle von WDVS, bisherige Nachweisverfahren für Standsicherheit und Gebrauchstauglichkeit sowie die Arbeit zur Entwicklung eines semiprobabilistischen Sicherheitskonzepts. 

 

Durch Aufbringen eines Wärmedämm-Verbundsystems auf eine Außenwand entsteht ein Außenbauteil mit ganz neuen akustischen Eigenschaften. Der Schallschutz-Experte der MFPA Leipzig GmbH, Dipl.-Phys. Dietmar Sprinz, referierte über die in der Praxis oft vernachlässigte Änderung der Luftschalldämmung der neuen Außenwand, welche in pauschaler Weise oft zu niedrig oder zu hoch angenommen wird. Im Vortrag wurden die entstehenden akustischen Veränderungen nach Aufbringen eines Wärmedämm-Verbundsystems auf eine massive Außenwand dargestellt, zusammen mit den Auswirkungen auf das bewertete Schalldämm-Maß Rw. Es konnte gezeigt werden, auf welchen Wegen die Luftschalldämmung im Zulassungsverfahren ermittelt werden kann und welche Parameter relevant sind, um eine hohe Luftschalldämmung zu erreichen. Thematisiert wurde auch die Norm   DIN 4109 „Schallschutz im Hochbau“, die im Juli 2016 neu erschienen ist und u.a. Änderungen bzgl. des Schallschutzes gegen Außenlärm enthält.

 

Über sinnvolle Anforderungen an das Brandverhalten von Außenwandbekleidungen informierte der Geschäftsbereichsleiter des Baulichen Brandschutzes der MFPA Leipzig GmbH, Dipl.-Ing. Sebastian Hauswaldt. Seine Ausführungen sollte das Auditorium zum Nachdenken anregen: Das Schutzziel der Brandausbreitung – und nicht wie aktuell die Baustoffklassifizierung – soll ins Zentrum der notwendigen baurechtlichen brandschutztechnischen Anforderungen an Außenwandbekleidungen gestellt werden, sodass eine Brandausbreitung auf und in der Außenwandbekleidung ausreichend lang begrenzt ist und wirkungsvolle Löscharbeiten möglich sind. Zudem stellte er aktuelle Fassadenbrandversuche an gedämmten und hinterlüfteten Fassaden sowie Baustoffuntersuchungen im Rahmen von bauaufsichtlichen Zulassungsverfahren vor, die in der akkreditierten Brandprüfstelle der MFPA Leipzig GmbH regelmäßig durchgeführt werden.

 

Nach dem Mittag warf Prof. Dr.-Ing. Ulrich Möller von der HTWK Leipzig einen Blick auf Wärmebrücken in der VHF und stellte dabei anhand aktueller Forschungen die Möglichkeiten zur energetischen Optimierung der Unterkonstruktion vor. Ergebnis: Für die energetische Optimierung ist die Verwendung eines Thermoblocks als Trennung vom Untergrund wichtig. Dabei spiele die Materialart für den Wärmebrückenverlustkoeffizient eine entscheidende Rolle – hier sei gerade Aluminium heute nicht mehr sinnvoll. Im Rahmen der Optimierung müsse jedoch gleichzeitig auch die Statik beachtet werden. 

 

In seinem Vortrag befasste sich Dipl.-Ing. (FH) Falk Beckmann, M.Eng. (DIBt/ Referat Kunststoffbau/ Fassadenbau) mit thermisch getrennten Wandhaltern/ Konsolen aus Kunststoff für den Einsatz in vorgehängten hinterlüfteten Fassaden (VHF) und in Wärmedämm-Verbundsystemen (WDVS). Neben der thermischen Trennung übernehmen diese Elemente auch eine tragende Funktion im Fassadenbau. Die Besonderheiten, die beim Nachweis von tragenden Kunststoffen aus statisch-konstruktiver Sicht berücksichtigt werden müssen, einschließlich der Ermittlung von Einflussfaktoren wurden sachlich erläutert. Für die thermisch getrennten Wandhalter/ Konsolen folgte eine Darstellung der bauaufsichtlichen Nachweisführung unter Berücksichtigung des Teilsicherheitskonzeptes des Eurocodes sowie der kunststoffspezifischen Einflussfaktoren innerhalb allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassungen.  

 

Derzeitig angewandte Befestigungsmittel im Fassadenbau beleuchteten Dr.-Ing. Lothar Höher (IFBT GmbH) und Dr. Jochen Buhler (Würth). Zu den Verfahren der Bemessung, wie sie in der EN 1992 Teil 4 oder mit nahezu identischen Nachweisverfahren im amerikanischen Normenwerk festgelegt sind, und den Konflikten zwischen Bemessung und den realen Anwendungssituationen nahm der erste Teil des Vortrages Stellung. Der Anhang C der ETAG 001 gilt bei fast allen Fassadenplanern und -beratern in Asien als Standardbemessungsmethode bei der Verankerung der Fassade. In Australien ist inzwischen bereits die EN 1992-4 eingeführt. Die dazugehörigen ETAs werden gefordert. Dr. Buhler stellte im zweiten Teil des Referates kulturelle Unterschiede und reale Baustellensituationen vor und erläuterte die daraus entstehenden Konflikte bei der anschließenden praktischen Umsetzung.

 

Dem Thema „Objektanforderung versus Zulassung“ widmete sich Dipl.-Ing. (FH) BSc Thomas Kühnert (Sahlmann & Partner GbR) und zeigte dabei anhand zahlreicher Praxisbeispiele auf, wo die Probleme in der Bauplanung und -ausführung liegen können. Zudem stellte er verschiedene Systemprüfungen vor, die im Rahmen von Zulassungsverfahren in Leipzig erfolgreich angeboten werden, um Aussagen zur Langzeittragfähigkeit als auch zur Gebrauchstauglichkeit (Entstehung von Rissen und Verwölbungen) treffen zu können. 

 

Zum Abschluss der interessanten Fachtagung informierte Dr.-Ing. René Stein (TU München) über Fassaden im mehrgeschossigen Holzbau und schärfte beim Tagungspublikum den Blick für die rasant wachsende Bedeutung sowohl im Bereich des Neubaus als auch beim Bauen im Bestand. Dagegen ist der Einsatz von Holz- und Holzwerkstoffen in Fassadenkonstruktionen baurechtlich nach wie vor sehr eng auf Gebäude geringer Höhe und ohne besondere Nutzung begrenzt. Die Planung und Ausführung von Holzfassaden außerhalb dieser Grenzen ist möglich, setzt jedoch besondere Kenntnisse in der Anwendung zusätzlicher Maßnahmen zur Erreichung der Schutzziele im Hinblick auf den vorbeugenden Brandschutz voraus. Im Abschlussvortrag konnten die Zuschauer kurzweilig einen Einblick über die spezifischen Problemstellungen bekommen, indem vorhandene Lösungsmöglichkeiten aus der Wissenschaft und der Praxis gezeigt wurden.

 

Der zur Veranstaltung erschienene Tagungsband enthält ausformulierte Kurzfassungen der Beiträge der Referenten und kann über die Webseite des Leipziger Fassadentages erworben werden. 

 

Auf der begleitenden Fachausstellung zum Leipziger Fassadentag präsentierten 18 Hersteller, Verbände und Verlage die neuesten Trends und Systeme.

 

Der sichtbare Teil der Gebäudehülle unterliegt wie kein zweites Bauteil erwartungsgemäß einem hohen Anspruch an die Architektur. Die gleichzeitig gestellten Anforderungen an Energieeinsparung, Schall- und Brandschutz sowie die Standsicherheit erfordern einen permanenten Wandel in der Gestaltung der Konstruktion. Im Wechselspiel zwischen Innovation und der Sicherung der bauordnungsrechtlichen Schutzziele liegt der Spannungsbogen für Ingenieure und Architekten in Forschung, Prüfung, Zulassung und Anwendung von Fassadenprodukten. Nach dem Jahr 2015 erfüllte der Leipziger Fassadentag 2017 bereits zum zweiten Mal die Erwartungen der Fachleute des Fassadenbaus und beschrieb den Stand der Technik auf eindrucksvolle Weise.

Anerkannte Fortbildungsveranstaltung

Der Leipziger Fassadentag ist eine anerkannte Fortbildungsveranstaltung.

Anerkannte Fortbildungsveranstaltung

Der Leipziger Fassadentag ist eine anerkannte Fortbildungsveranstaltung.

Alle Gäste erhalten Teilnahmebescheinigungen, welche als Nachweis zum Erhalten von Fortbildungspunkten bei Architekten- und Ingenieurkammern eingereicht werden können.

Der Leipziger Fassadentag ist im Speziellen anerkannt durch die

Hotel gesucht?

Wir haben für Sie Zimmer im H+ Hotel Leipzig**** reserviert. Jetzt buchen!

Hotel gesucht?

Wir haben für Sie Zimmer im H+ Hotel Leipzig**** reserviert. Jetzt buchen!

Weitere Informationen finden Sie hier.

Veranstalter

veranstalter DIBT MFPA S&P IFBT HTWK Leipzig